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Dicke Bretter in Thüringen: Sieben Jahre Jungenarbeit als freiwilliges Engagement

„Wenn Du Jungenarbeit etablieren willst, dann brauchst Du einen langen Atem“, sagte mir einst ein Kollege aus Potsdam, „rechne mit sechs bis sieben Jahren!“ Das war 2005 und klang nach dicken Brettern. Ein Dutzend Fachmänner hatte in Erfurt gerade die „Fachgruppe Jungenarbeit in Thüringen“ ins Leben gerufen. Der „Bedarf“, wie es im Sozialsprech heißt, lag in der Luft. Die PISA-Studie hatte aufgestört, man titelte „Schlaue Mädchen, dumme Jungs“, bald wurde die „Jungenkatastrophe“ ausgerufen. Geschärfte Werkzeuge, um über den Benachteiligungsdiskurs auf Jungen aufmerksam zu machen.

Auf Dauer reicht das natürlich nicht. Inzwischen ist die Fachgruppe im siebten Jahr und wir haben einige Löcher in die dicken Bretter gebohrt. Wir haben uns vernetzt, treffen uns zu regelmäßigem Fachaustausch, organisieren drei bis vier zumeist praxisorientierte Fachfortbildungen im Jahr, und wir sind jugendpolitisch aktiv. Wir haben uns ein Selbstverständnis erarbeitet, das die „Begleitung von Jungen auf dem Weg zum Mannsein“ ins Zentrum stellt. Es gibt eine eigene Webseite: jungenarbeit-thueringen.de. All das sind kleine Schritte, die dem Mehr-Einsatz von vierzehn  Männern entstammen und aus unterschiedlichsten Projektmitteln finanziert werden. Auf die Gründung einer LAG oder eines Vereins wurde aus unterschiedlichen Gründen bisher verzichtet.

Geht es um Jungenarbeit in Thüringen, dann ist die Fachgruppe inzwischen der erste Ansprechpartner. Allerdings ist die Landschaft der Akteure überschaubar. Geschlechtsspezifische Sichtweisen haben es schwer, und sobald neben dem gesehenen Bedarf auch die benötigten Finanzen in Sicht kommen, dreht sehr schnell der Bohrer auf Hartholz. Wir erhalten für die Koordination keinerlei Förderung vom Land. Die Fachgruppe existiert, weil es engagierte Männer gibt, die sich der Jungenarbeit verschrieben haben. Sie kommen aus der Jugendhilfepraxis, arbeiten im Kinder- und Jugendschutz, als Schulsozialarbeiter, in der Jugendbildung der evangelischen Kirche, in Landesbehörden, bei freien Trägern. Es gab Zeiten, da haben sich Fachgruppenmitglieder für die Treffen Urlaub genommen, weil ihren Trägern nicht einsehbar war, was Jungenarbeit mit Sozialarbeit zu tun haben könnte. Das ist Gottlob vorbei.

In Thüringen als einem ländlich geprägten Raum sind wir regional hauptsächlich verankert in den urbanen Gebieten, in Erfurt und Jena. Regionen im Nord-, Süd- und Ostthüringen werden mit den derzeitigen Kapazitäten kaum erreicht. Die Stadt Jena beschäftigt den ersten und vermutlich einzigen hauptamtlichen Thüringer Jungenarbeiter.

Im Moment ist eine eigenartige Situation entstanden: Die Thüringer Mädchenarbeit, die nach der Wende und besonders Anfang der 2000er einigen Aufschwung hatte und die Agenda der geschlechterpolitischen Jugendarbeit besetzte, ist mit dem Streichen der Förderung 2005 implodiert. Vor Ort gibt es einige durchaus solide und differenzierte Angebote für Mädchen. In einzelnen Fällen haben engagierte Mädchenarbeiterinnen in ihre Projekte auch Jungenarbeit integriert und konzeptionell verankert. (Das Beispiel des JuMäX e.V. für Mädchen- und Jungenarbeit in Jena ist unten zu lesen). Es fehlen aber die Ressourcen für das Engagement über das Einzugsgebiet hinaus, also für eine landesweite konzeptionelle und strukturelle Arbeit. Inzwischen wird die Fachgruppe Jungenarbeit angefragt, wenn es um die Jugendhilfe-Planung von geschlechtergerechten Maßnahmen nicht nur für Jungen, sondern auch für Mädchen geht. Wir tragen so momentan die Belange der Mädchenarbeit mit, wie Mädchenarbeiterinnen ja auch die Jungenarbeit befördert haben.

Dieser Trend ist in der Jugendarbeit nicht neu: Förderungen werden gekürzt und damit vor allem der Vernetzungs- und Koordinierungsarbeit der Boden entzogen, die nicht als Pflicht, sondern als Kür gilt. Fehlt eine landesweite Lobbyarbeit, dann steht weiteren Einsparungen kein Widerspruch mehr im Wege. Was in Thüringen derzeit fehlt, ist also eine gesicherte Koordination für die Jungenarbeit (und für die Mädchenarbeit sowieso), damit die Fachberatung, Vernetzung, Weiterbildung und jugendpolitische Vertretung wirklich wachsen und reifen kann.

Nach meinem Dafürhalten sind die Zeiten der Grabenkämpfe zwischen Männer- und Frauenpolitik vorbei, Förderneid schadet beiden Seiten. Die geschlechtsspezifische Jugendarbeit nur gemeinsame gewinnen, Jungen- und Mädchenarbeit muss strategisch auf partnerschaftliche Füße gestellt, konzeptionell durchgearbeitet, strukturell geklärt und paritätisch besetzt werden. Männer sollten die Belange von Jungen und Frauen die Belange von Mädchen stark machen, und das im fruchtbaren und kritischen Miteinander. Geht der Blick nur bis zum Rand des eigenen Fördertopfes, dann ist er kurzsichtig und auf Dauer schädlich für die eigene Sache.

Seit sieben Jahren gibt es in Thüringen eine koordinierte Jungenarbeit. Wir stehen an einer Schwelle – auch das ist ja ein dickes Brett. Benötigt werden Koordination, Professionalisierung und qualitative Standards, vor allem aber ein politischer Wille zur Gestaltung von Geschlechtergerechtigkeit – damit diese Aufgabe die nächsten sieben Jahre nicht wieder nur auf den Schultern derer liegt, die eigentlich Unterstützung in ihrer Arbeit mit Jungen und Mädchen benötigen. Wir bohren weiter!

Jürgen Reifarth
28. Mai 2012

erschienen in: switchboard. Zeitschrift für Männer und Jungenarbeit. Nr. 199, Sommer 2012 (www.switchboard-online.de)

Jürgen Reifarth arbeitet an der Evangelischen Akademie Thüringen in Neudietendorf bei Erfurt als Studienleiter für politische Jugendbildung, u.a. mit dem Schwerpunkt Jungenarbeit. Er ist Sprecher der Fachgruppe Jungenarbeit in Thüringen, die seit 2005 Fachaustausch, Vernetzung, Fortbildung und Lobbyarbeit für Jungen organisiert.



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